Über Individualität in der Sexualität: kein Vergleich, keine Norm – nur das, was gerade zu dir passt.
Zum ArtikelIch weiß nicht ob Sex eine bessere Gesundheit oder Wohlbefinden ermöglicht. Ich weiss nicht, ob Menschen mit Sex länger leben oder ob die Lebenserwartung ohne Sex überhaupt sinkt. Ich bin kein großer Freund von Statistiken. Eher ein Freund von Individualität. Und genau das ist auch Sexualität:
Kein Maßstab, an dem man sich messen muss. Keine Norm, die erfüllt werden will. Manche Menschen brauchen sie oft, andere selten, wieder andere gar nicht, manchen mögen sie mit Besonderheiten, manche pur. Manche Menschen mögen sie mit Accessoires, manche mit mehr Menschen, mit gleichen Menschen, mit anderen Menschen – und keine dieser Wahrheiten sagt etwas darüber aus, ob ein Leben erfüllt ist oder eine Beziehung gesund.
Was ich in meiner Praxis sehe, ist etwas anderes als Zahlen:
Menschen, die sich erlauben, sich nicht an einem Bild zu messen, das sowieso nie ihr eigenes war. Menschen, die realisieren, dass ihre eigene Sexualität nicht jemandem Bekanntem gleichen muss, nicht der aus einem Film, nicht der von vor zehn Jahren, vielleicht mal mehr kinky, mal mehr Vanilla, energetisch, sinnlich... oder vieles mehr.
Es gibt keine Sexualität, die richtiger ist als eine andere, solange sie einvernehmlich bleibt – das ist die einzige Grenze, die zählt. Es gibt nur mein Richtig, meine Norm, meine Sexualität. Meine Sexualität ist die, die gerade zu mir passt.
Manchmal ist das eine Phase voller Verlangen. Manchmal eine Phase der Stille. Beides ist Sexualität. Beides darf da sein, ohne dass eines davon als „das Ziel“ gilt. Und manchmal ist die Antwort auch einfach: gerade nicht. Ohne dass das erklärt werden muss.
Was ich mir für Menschen wünsche, die diesen Artikel lesen, ist kein Vergleich mit irgendeiner Norm – sondern eine ehrliche Frage an sich selbst: Wie fühlt sich meine Sexualität für mich an, unabhängig davon, wie sie aussehen „sollte“? Was kann ich teilen mit meiner Partnerin, meinem Partner, mit Freunden, mit mir selber?
Im Alltag heißt das oft etwas ganz Unspektakuläres: nicht mehr zu fragen, ob die eigene Lust und Erotik „normal“ ist oder gerade „angebracht“ oder „zumutbar“, sondern was sie gerade braucht.
In einer Beziehung, ob leger, verbunden oder verheiratet, heißt es, dem Partner oder der Partnerin nicht die eigene Norm zu unterstellen – sondern neugierig und offen zu bleiben auf das, was beim anderen gerade da ist, auch wenn es sich von der eigenen Sexualität unterscheidet. Vielleicht auch nur ein offenes Ohr haben und daraus eine Geschichte zu kreieren, vielleicht auch mehr.
Unsere Fantasien wollen vielleicht auch nicht immer umgesetzt werden. In unseren Köpfen und Gedanken darf einfach alles frei existieren.
Mit dem Gegenüber sich austauschen, antasten wie weit man sprechen kann, sich sicher fühlt, sich erotisch fühlt. Bei einem Austausch über Fantasien kann viel entstehen. Verständnis, Compassion, Mitgefühl, gleiche unausgesprochene Wünsche… Und schon ein Gespräch kann so erotisch sein wie eine Pirsch, wie ein Spiel, Unschuld und Freude, Kinky und Vanilla so nah beieinander.
Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit – ob man bei sich ist.
Und vielleicht ist genau das die einzige Statistik, die wirklich zählt: keine.