Warum fühle ich mich falsch? Über Selbstwert, Selbstakzeptanz und die Suche nach Bestätigung
Zum ArtikelVielleicht kennst du das Gefühl. Du sitzt in einem Raum voller Menschen und fühlst dich falsch. Nicht wegen etwas, das du gesagt hast. Einfach so. Als wärst du grundsätzlich nicht ganz richtig zusammengesetzt.
„Bin ich okay so?“ – du wartest auf ein Zeichen. Prüfst dein Lächeln, deine Worte, deine Reaktion, bevor sie überhaupt draußen sind.
Und dann beginnt die Suche. Du schaust, wie die anderen reagieren. Du hörst genau hin, was gesagt wird – und was nicht.
Dass du dich anpasst ist natürlich. Anpassung gehört zum Menschsein dazu. Entscheidend ist, wo du die Antwort suchst, im Außen. Nicht bei dir.
Wenn die Antwort auf „Bin ich okay?“ von außen kommen muss, bleibt das Gefühl nicht lange bei dir. Ein bestätigender Blick reicht vielleicht für einen Moment. Dann kommt die nächste Situation, und die Suche beginnt von vorn.
Du sammelst Bestätigung, als wäre sie Proviant für eine Reise. Das Ziel liegt in dir – aber deine Reise führt von dir fort.
Das ist sehr anstrengend. Noch anstrengender ist das Gefühl, nur kurz gesättigt zu werden, und schon beim letzten Bissen wieder zu spüren, dass es nicht genug ist. Dass es nicht das Richtige ist.
Niemand entscheidet sich eines Tages, sich selbst zu misstrauen. Das entsteht. Meistens früh. Aus Momenten, in denen Liebe oder Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft waren. Sei so, dann bist du richtig. Sei so nicht, dann nicht.
Auch das passiert oft aus gut gemeinten oder erzieherischen Maßnahmen, oder einfach, weil unsere Familie es nicht anders kannte. Und vielleicht beginnst du, deinen Selbstwert dort zu suchen, wo du ihn nicht findest: bei den anderen.
Was du vielleicht davon mitnimmst: Meine Gefühle, meine Art zu sein, mein spontaner Impuls – das ist nicht die verlässliche Grundlage. Richtig bin ich nur, wenn ich mich anpasse. Wenn ich so bin wie die anderen.
Und dieses Muster bleibt uns treu, denn es schützt uns. Es gibt uns das Gefühl, dazuzugehören, geliebt zu werden. Auch dann, wenn du längst erwachsen bist und niemand mehr diese Bedingungen stellt. Der Blick nach außen ist zur Gewohnheit geworden. Zum ersten Reflex, wie beim Fahrradfahren, das wir mit der Zeit automatisch können, ohne uns zu überlegen, wie wir die Balance halten, bremsen, Kurven nehmen.
Während du draußen suchst, bleibt etwas unbeachtet: du selbst. Deine eigene Wahrnehmung. Dein eigenes Urteil darüber, ob etwas stimmig ist oder nicht.
Du hast diese innere Stimme nicht verloren. Du hast nur aufgehört, ihr zuzuhören, weil die äußere Bestätigung lauter und schneller und wichtiger war.
Das bedeutet: Die Fähigkeit, dich selbst zu akzeptieren, dir selber zu vertrauen, ist nicht weg. Sie ist nur etwas eingestaubt und ungeübt. Ein Muskel, der lange nicht gebraucht wurde.
Fang klein an. Leg dir – vielleicht nur in Gedanken – eine Hand auf die Schulter oder auf das Herz oder den Bauch, da wo es für dich stimmig ist. Nicht um etwas zu reparieren. Nur um da zu sein. Ganz für dich, ganz bei dir.
Der erste Schritt ist so wichtig: Bemerken, wann du gerade nach außen schaust. Nicht bewerten. Nur bemerken.
Ich suche gerade eine Antwort bei ihr. Bei ihm. Bei den anderen. – Ich bin nicht mehr bei mir –
Und dann vielleicht, ganz kurz, eine zweite Frage stellen – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung: Was würde ich sagen, wenn ich mir selbst vertrauen würde? Was sagt mein Gefühl?
Du musst die Antwort nicht sofort finden. Es reicht, die Frage überhaupt zu stellen. Das ist der Anfang davon, den Blick zurückzuholen. Zu dir.